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Soziologie „hautnah“ und im „Vollkontakt“: Disziplinirritation im Forschungshandeln

Der Autor reflektiert anhand seiner Erfahrungen in zwei sehr unterschiedlichen Forschungsprojekten seine Haltung bzw. sein Selbstbild als Soziologe und fragt, wie „nah“ – verstanden als „Grad der Einmischung“ – ein soziologischer Forscher seinem Gegenstand kommen kann und kommen darf.

Empfiehlt es sich angesichts globaler Dauerkrisen einen Blogbeitrag zu verfassen, der sich nicht mit den gesellschaftlichen Sorgen, Nöten und Ängsten der Menschheit auseinandersetzt, sondern sich der „anonymen“ Wissenschaft Soziologie zuwendet? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Natürlich empfiehlt es sich und womöglich ist es geradezu zwingend, sich mit einer wissenschaftlichen Disziplin auseinanderzusetzen, die sich Gesellschaft und soziales Zusammenleben als den Forschungsgegenstand gewählt hat.

Etwas holzschnittartig ist die Disziplin Soziologie – wie jede andere Disziplin auch – in einerseits den Bereich Wissenschaft und andererseits den Bereich Forschung zu unterscheiden. Wissenschaft umfasst dann alle disziplinorientierten und disziplinreproduzierenden Handlungen. (Die Innendifferenzierung der Soziologie muss an dieser Stelle nicht berücksichtigt werden.) Dazu gehören Lehrveranstaltungen, Kongresse der spezifischen Wissensgemeinschaft und andere Aktivitäten von ‚boundary work‘. Forschung, im Vergleich dazu, setzt sich aus disziplinübergreifenden und disziplinirritierenden Handlungen zusammen. In der Regel handelt es sich um zeitlich begrenzte Projekte oder projektförmige Kooperationen, bei denen unter Umständen Akteure verschiedener Institutionen und Gesellschaftsbereiche zusammenarbeiten.

Erkenntnisgewinne werden, ausgehend von der genannten Unterscheidung, primär im Forschungshandeln erzielt. Die Erkenntnisgewinne, als auch die Prozesse ihrer Produktion und Distribution, sind recht unterschiedlich und haben mithin unterschiedliche Wirkungen auf die oder besser in der Gesellschaft. Denn jede Forschungsarbeit findet innerhalb der Gesellschaft statt, weshalb eine „unabhängige“ Forschung schwer zu realisieren ist. Ein Aspekt, der später erneut zur Sprache kommt. Sind Auswirkungen der Forschungsarbeit in der Gesellschaft zu beobachten, so spreche ich von ‚Resonanzen‘, die auf ‚Impulse‘ folgen. Ich möchte zunächst die Differenz von Erkenntnisgewinnen an zwei Beispielen verdeutlichen und zugleich darstellen, wie „nah“ eine Soziologie gehen kann.

Vor etwas längerer Zeit haben ich und meine Kolleginnen die Nanowissenschaften (Dabei handelt es sich, sehr vereinfacht gesprochen, um disziplinenübergreifende naturwissenschaftliche Forschung auf atomarer Ebene.) untersucht, mit dem Ziel, etwas über deren Zusammensetzung, Arbeitsweisen und Strukturierungsdynamiken herauszufinden. Grundlagenforschung ist ein Terminus, der dieses Unterfangen am besten bzgl. der Ergebnisorientierung und des Projektziels beschreibt. Charakteristisch für Grundlagenforschung ist, dass die Ergebnisse letztendlich in gedruckter Form als wissenschaftliches Buch und/oder wissenschaftliche Artikel vorliegen und auf Kongressen der eigenen Wissenschaftsgemeinschaft präsentiert werden. Die Diskussion und Verarbeitung der Erkenntnisse erfolgt innerhalb eines geschlossenen Referenzrahmens. In Hinblick auf das methodisch-konzeptuelle Vorgehen beinhaltete unsere Arbeitsweise das Durchführen qualitativer Interviews und von ‚multi-sited ethnography‘.

Im Grunde tat ich also nichts anderes als den „Stamm“ der Nanowissenschaftler einer eingehenden Betrachtung und Analyse zu unterziehen und mich mit ihren Verhaltensweisen vertraut zu machen. Ich war ein stiller, unauffälliger Beobachter. Der Forschungsfokus lag auf Verstehen und Beschreiben – eine der Funktionen der Soziologie. Die Wirkung in der Gesellschaft von solcher und ähnlich gelagerter Forschungsarbeit lässt sich in folgender Hinsicht näher bestimmen. Im Feld der Nanowissenschaften gab es kaum Impulse von Seiten des Soziologen, weshalb von einer geringen Resonanz (auf das untersuchte Feld) auszugehen ist. Wenn eine Resonanz überhaupt zu erwarten wäre, dann in der eigenen Fach- und Wissensgemeinschaft, denn nur dort werden die Forschungsergebnisse aufgegriffen und verarbeitet. Natürlich ist gerade das ein zentrales Element wissenschaftlicher Disziplinen: den spezifischen Wissenskorpus ständig zu erweitern, zu reformieren, zu konsolidieren.

Dennoch sind folgende Fragen durchaus berechtigt: Wem nützt der Erkenntnisgewinn dieser Art von Forschung? Wo werden die Erkenntnisse auch außerhalb von Wissenschaft bzw. außerhalb der Soziologie zur Kenntnis genommen oder gar angewendet? Müsste nicht das neu erzeugte Wissen in die „Öffentlichkeit“ getragen werden und/oder sollten seitens der Soziologie nicht Angebote der Integration, Adaption oder Transformation dieses Wissens gemacht werden? Liegt es nicht nahe, den Nanowissenschaftlern durch Anregungen (Impulse) zur Reflexion des eigenen (Forschungs-)Handelns zu verhelfen, mögliche Spannungen und Dilemmata aufzuzeigen und so Resonanzen zu erzeugen? Vorstellbar wären hier bspw. die Offenlegung und gemeinsame Diskussion kooperationshinderlicher disziplinärer Sichtweisen oder die Darlegung und Erprobung von Konzepten zur Einbindung der Zivilgesellschaft.

Womöglich ist Verstehen, Beschreiben und Erklären oft nur der erste Schritt einer soziologischen Praxis, einer soziologischen Forschung.

Derzeit leite ich ein Verbundprojekt (www.verbundprojekt-sonia.de), in dem untersucht wird, welche Möglichkeiten existieren, um die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen – insbesondere im ländlichen Raum – zu erhöhen. Mit Blick auf das Forschungsziel und den Erkenntnisgewinn ist sicherlich zu Recht von anwendungsorientierter Forschung zu sprechen. Forschungsarbeit erzeugt gezielt Impulse, die eine möglichst starke Resonanz in der Gesellschaft hervorrufen sollen. Das Anliegen ist eine Veränderung der Lebenswelt der Menschen.

Wie aber werden soziale oder gesellschaftliche Dynamiken angestoßen? Diese Frage kann sehr unterschiedlich beantwortet werden – bspw. mit der weiterführenden Frage: Reicht es aus, Interviews zu führen und Feldforschung zu betreiben und abschließend einen akademisch-wissenschaftlichen Text zu verfassen? Oder muss zusätzlich ein leicht verständlicher Text an Akteure anderer Gesellschaftsbereiche (Politik, Wirtschaft, Soziales) formuliert werden, falls diese einen Bedarf daran signalisieren? Oder müsste gar proaktiv an außerwissenschaftliche Akteure herangetreten werden?

Alle diese Fragen verweisen meines Erachtens auf eine vorherrschende ex post-Strategie der Erkenntnisverarbeitung: nach der Forschung erfolgt die Trans-Mission. Grundsätzlich jedoch ist die Beeinflussung des Untersuchungsfeldes durch Forschungshandeln hinlänglich bekannt (Reaktivität des Feldes, erwünschte Antworten bei Befragungen, ‚Hawthorne-Effekt‘, ‚going native‘, etc.) – sie wird jedoch eliminiert oder genauer: es wird versucht, eine Resonanz während der Arbeitspraxis zu vermeiden. Was würde nun passieren, wenn die Wirkung des Wissenschaftlers, des Soziologen, als Teil des Forschungsprozesses angesehen wird? Warum sollte es nicht legitim sein, als Mediator, als Netzwerker, oder als „Lotse“ Einfluss auf Lebenswelten zu nehmen statt „lediglich“ zu beobachten und zu beraten? Gegen welche wissenschaftlichen Prinzipien würde verstoßen werden?

Verändern wir also die Sichtweise, so erscheinen Forscher vielmehr als Teil des Veränderungsprozesses selbst und weniger als Überbringer von Erkenntnissen. Als in situ-Praxis ist es durchaus realistisch, zusammen mit außerwissenschaftlichen Akteuren, die wir „beforschen“, Problemlagen zu erörtern, Ideen und Konzepte zu diskutieren, Lösungen zu erarbeiten und deren Umsetzung durchzuführen. Im erwähnten Projekt zu gesellschaftlicher Teilhabe ist solch ein Vorgehen durchaus erkennbar: wir führen Bedarfsanalysen, Konzeptworkshops und Evaluationen durch, sind in stetem Austausch mit der Zivilbevölkerung und verändern sowohl Lebensstil als auch Lebensraum. Ein Verstehen, Beschreiben und Erklären von Gesellschaft ist dann mit einer Art (kollektiver) Strukturierung verbunden. Soziologische Forschung beschränkt sich hier nicht mehr auf Verstehen, Beschreiben und Erklären, sondern ist eine tiefergehende Praxis.

Auch hier treten eine Reihe von Fragen zutage: Darf sich wissenschaftliche Forschung überhaupt einmischen? Muss soziologische Forschung nicht unabhängig sein? Läuft Soziologie in solchen Fällen nicht Gefahr, ein Werkzeug in den Händen der Mächtigen und Geldgebenden zu werden?

Für einen Soziologen, der gedanklich eher eine interaktionistisch-pragmatische Mesolevel-Perspektive einnimmt, steckt viel Wahrheit in der These, dass Menschen ihre Welt mal mehr und mal weniger bewusst selbst konstruieren und zwar unter den Möglichkeiten und Beschränkungen der situativen Kontextbedingungen. Gesellschaftlicher Wandel wird kaum durch Texte und Doktrin „top down“ verordnet, sondern emergiert in interaktiven Aushandlungen und Ko-Konstruktionsprozessen der Gesellschaftsmitglieder. An diesen Prozessen kann sich die Soziologie direkt beteiligen und Forschung auch außerhalb disziplinärer Schranken zusammen mit der Zivilgesellschaft durchführen. Zirkuläre Soziologie hat Schwierigkeiten, ihren Weg in die Gesellschaft zu finden. Eine öffentliche Forschung bzw. öffentliche Soziologie stattdessen ist „hautnah“ dabei und sieht sich im extremen Fall einem „Vollkontakt“ ausgesetzt.

Es wurde im vorliegenden Beitrag eine Vielzahl an Fragen aufgeworfen, auf die in diesem Rahmen kaum hinreichend geantwortet werden kann. Eine Frage kann allerdings mit einem deutlichen „Ja“ beantwortet werden: Es ist empfehlenswert, sich der „anonymen“ Wissenschaft Soziologie zuzuwenden! Denn gerade die Soziologie vermag einen Beitrag bezüglich der Bearbeitung gesellschaftlicher Problemlagen zu leisten.

Peter Biniok

Peter Biniok

Dr. phil. Peter Biniok ist akademischer Mitarbeiter an der Hochschule Furtwangen, Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft; er hat Informatik und Soziologie studiert; seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschafts- und Techniksoziologie, Öffentliche Sozialforschung, Mensch-Technik-Interaktion.

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