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Zum Persönlichen (in) der Öffentlichen Soziologie

Vor einigen Monaten habe ich einen Beitrag im studentischen Soziologie Magazin publiziert, der eine Art Selbstdemontage vorlegte (Kray 2015). Es ging um die „Konsequenzenlosigkeit der Soziologie“ für die Gesellschaft.

Der Grund, warum ich den Artikel schrieb, war die Frage danach, was ich selbst als Angehöriger dieser Zunft wohl hoffen darf, aktiv beitragen zu können zur ‚positiven’ Entwicklung unserer Gesellschaft. Warum frönen so viele von mir persönlich verehrte VertreterInnen der Soziologie einem Pessimismus, der eine positive Vision der Zukunft – des Faches wie der Gesellschaft – im Keim zu ersticken droht? Können wir eine solche Vision entwickeln, ohne dabei allzu schnell affirmativ zu werden? Was braucht es, um nicht bloß kritisch zu sein? Und noch schwieriger: Wie verhilft man einer solchen Vision dann zu (politischer) Wirkmächtigkeit?

Diese Fragen sind umso dringlicher, weil die Soziologie – und das scheint mir leider eine Tatsache zu sein – im Vergleich mit den Naturwissenschaften an Strahlkraft stark verloren hat; sie ist eine Begleitwissenschaft (geworden). Erklärungen verweisen in der Regel – extern – auf die Rolle der Technologie als Selektionsmechanismus für „relevantes“ Wissen, oder – intern – auf die manchmal gar hoffnungslos anmutende Zersplitterung des Faches in eine Art konstitutiven Dauerdissens.

Meine – natürlich erst ganz am Ende des damaligen Textes – unterbreiteten Vorschläge, wie man aus einer so verflixten Situation gesellschaftlicher Konsequenzenlosigkeit wieder herauskommen könnte, betrafen eine neue, meines Erachtens dringend notwenige Aufwertung der Lehre, das Heraustreten der Forschung aus einem semi-kryptischen Fachjargon überall dort, wo es nur eben möglich ist, und den Mut von SozialwissenschaftlerInnen, sich als Intellektuelle in die Arena der zivilgesellschaftlichen Debatte zu trauen.

Gerade der letzte Punkt berührt unmittelbar das Problem bzw. das Postulat einer „Öffentlichen Soziologie“. Über sie möchte ich nun – öffentlich – nachdenken und einen Vorschlag einbringen, der diejenigen persönlich betrifft, welche sie betreiben möchten.

Das Interesse einer Öffentlichen Soziologie ist nicht nur Erkenntnis. Sie hat eine Agenda, ist politisch, parteiisch, und sucht das auch nicht zu verstecken. Um ihre Gestalt – und ihren Anspruch – der Wissenschaft(lichkeit) trotzdem zu verteidigen, muss sie die dauerprekäre Balance zwischen „Involvierung und Distanzierung“ (Nobert Elias) stets neu aushandeln und, was schmerzhaft ist, gegebenenfalls am Einzelfall entscheiden – jedoch ohne dabei ihre „normative Vision“ (Michael Burawoys) fahren zu lassen.

Jenen, die sich in diese Debatte(n) verstrickt sehen, ist all das nur zu bekannt. Meine Frage schließt daher an jene an, die Ariane Hanemaayer und Christopher Schneider (2014, 5) gestellt haben: „How and why do we do sociology?“

Der erste Teil – das „Wie?“ – ist zwar methodenpolitisch brisant, aber auch technisch und soweit leicht langweilig. Nicht so der zweite Teil des „Warum?“. Sicher kann man ihn im Sinne des Problems der Zielgruppe als „Soziologie für wen?“ interpretieren. Meine Interpretation jedoch ist eine andere. Sie fragt: „Soziologie von wem?“

Der Warum?-Part ist zwar auch politisch, aber auf eine persönliche, ja die persönlichste Weise. Warum beschäftigt sich ein Forscher/eine Forscherin mit genau jenem Gegenstand, manchmal Jahre, Jahrzehnte? Was treibt sie oder ihn an? Wo liegt die Faszinationsgrundlage? Und – skeptischer – ist das überhaupt wichtig?

Zumindest im Rahmen der Öffentlichen Soziologie, so behaupte ich, ist es das. Wenn wir an einem zivilgesellschaftlichen Diskurs teilnehmen wollen, hat es keinen Sinn – und wäre sogar kontraproduktiv – sich hinter irgendwelchen Objektivitätsidealen zu verschanzen. Der Forscher wird Akteur, und damit Person. Glaubwürdigkeit und Authentizität lassen sich dann nicht (allein) aus Expertise generieren, sondern müssen in einen biographischen Zusammenhang gebracht werden. Nehmen wir, um dem etwas Autorität zu verleihen, die Worte eines Klassikers:

„Gewiss: Ohne Wertideen des Forschers gäbe es kein Prinzip der Stoffwahl und keine sinnvolle Erkenntnis des individuell Wirklichen, und wie ohne den Glauben des Forschers an die Bedeutung irgendwelcher Kultur jede Arbeit an der Erkenntnis der individuellen Wirklichkeit schlechthin sinnlos ist, so wird die Richtung seines persönlichen Glaubens, die Farbenbrechung der Werte im Spiegel seiner Seele, seiner Arbeit die Richtung weisen“ (Weber 1988, 182; Hervorheb. im Orig.).

So poetisch er sich hier auch ausdrückt, war Max Weber bekanntermaßen im selben Aufsatz strikt gegen die Einmischung des Soziologen als Soziologen in die Tagespolitik, da dieser „niemals“ (ebd., 149) Praxisrezepte aus seinen Studien ableiten könne. Kollegen, die dies taten und für eine bestimmte Lösung der zu seiner Zeit brisanten „sozialen Frage“ eintraten, nannte er verächtlich „Kathedersozialisten“.

Vielleicht hat Weber recht, dass wir nicht als Wissenschaftler in diese Arena können, ohne uns zu korrumpieren. Allein, wir können es als Menschen, die auch WissenschaftlerInnen sind. Soll uns der Teil unserer Identität, der professionell ist, dabei helfen und unterstützen, müssen wir, so glaube ich, die Farbenbrechung der Werte im Spiegel unserer Seelen, die unserer Arbeit die Richtung weisen, offen legen. Gemeint ist damit jedoch weder Beichte, Geständnis, noch Bekenntnis – dazu zwingen nur katholische Priester, Psychotherapeuten und amerikanische Talkshow-Moderatoren. Es geht vielmehr um ein Narrativ, das wir privat und als Forscher und Forscherinnen sowieso schon kennen (sollten).

Eine Geschichte, die den genetischen Zusammenhang und die emotionale Bindung von SoziologInnen an ihren Gegenstand herleitet und erklärt, ist immer eine, die den individuellen Kern dessen betrifft, wer wir als ForscherInnen und (damit) als Persönlichkeiten sind. Daher mag es nicht unerhebliche Skrupel geben, darüber außerhalb eines sicheren, intimen Rahmens zu sprechen. Aber wer Öffentliche Soziologie machen will, wer diesen Anspruch erhebt, kommt um ein solches Risiko kaum herum. Darin besteht, wie Hannah Arendt sagte, eine der Herausforderungen des Politischen schlechthin:

„Dies Risiko, als ein Jemand im Miteinander in Erscheinung zu treten, kann nur auf sich nehmen, wer bereit ist, in diesem Miteinander auch künftig zu existieren, und das heißt bereit ist, im Miteinander unter seines gleichen sich zu bewegen, Aufschluss darüber zu geben, wer er ist, und auf die ursprüngliche Fremdheit dessen, die durch Geburt als Neuankömmling in die Welt gekommen ist, zu verzichten“ (Arendt 2007, 220; meine Hervorheb.).

Im Falle von Öffentlichen SoziologInnen muss es nicht gleich die Fremdheit qua Natalität sein, auf die es zu „verzichten“ gilt. Bescheidener reicht es schon, etwas von jenem objektivierenden Pathos preiszugeben, dass viele von uns kultiviert haben. Am klarsten habe ich die Kritik daran bei Norbert Elias gefunden. Gleich im ersten Satz von Was ist Soziologe? weist er eindringlich darauf hin, dass wir Teil unseres Forschungsgegenstandes sind:

„Aber gegenwärtig bleibt man beim Nachdenken über sich selbst oft genug auf einer Stufe stehen, auf der man seiner selbst nur als jemand bewusst wird, der anderen Menschen wie anderen ‚Objekten’ gegenübersteht, oft genug mit dem Gefühl, von ihnen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt zu sein“ (Elias 1996, 9).

Die Pointe dieses Gedankens besteht meiner Ansicht nach nicht in erster Linie darin, dass, wenn wir mit unserer Expertise in den Raum der Öffentlichkeit treten, in dem die anderen keine „Objekte“ mehr sind, sich epistemische Autoritäten kaum mehr verteidigen oder durch Titel usw. a priori aufrecht erhalten lassen. Nein, das wäre trivial. Die Pointe besteht vielmehr in dem Gedanken, dass wir über das Erzählen einer Geschichte, die unsere professionelle Identität emotional narrativiert, jene „Kluft“, von der Elias spricht, überbrücken können.

Sowohl in dem Artikel Über die Konsequenzenlosigkeit der Soziologie, wie auch in diesem Beitrag, habe ich das gleich zu Beginn im Ansatz selbst versucht. Ob mir gelang, was ich davon erhoff(t)e, muss jede/r LeserInn selbst entscheiden.

So oder so: Sich das zu trauen und einem anonymen Publikum dergleichen zugänglich zu machen, heißt, auf mindestens zweierlei Weise vulnerabel zu werden. Einmal im Gefühl der Lächerlichkeit, und zum anderen im „unsachlichen“ Argumentieren ad hominem. Verständlich, wer sich dem nicht aussetzen mag. Doch hilft auch hier die Soziologie selbst wieder weiter: Weder unsere (Lebens-)Geschichten, noch unsere Gefühle sind losgekoppelt von sozialen und kulturellen Makrostrukturen. Beide werden oft genug über Institutionen abgewickelt und von Bedeutungen durchdrungen, die nicht unsere eigenen sind oder sein können. Ihre Explikation macht den Öffentlichen Soziologen zum Exempel, auf dessen Partikularität zwar einschränkend hingewiesen werden kann. Allerdings geht damit auch eine erfahrbare Konkretheit einher, die das Potential hat, Menschen zu beeindrucken, sie zu berühren und es möglich macht, einander wirklich zu begegnen. Und nur Begegnung, so sagte Martin Buber einst, ist das wirkliche Leben. In ihr verändern sich alle Beteiligten, wenn auch nicht gleich viel oder gleich schnell. Und was könnte man von einer Öffentlichen Soziologie mehr erwarten?

 

Literatur

 

Arendt, Hannah. 2007. Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper.

Elias, Norbert. 1996. Was ist Soziologie? 8. Aufl. ed. Weinheim Juventa.

Hanemaayer, Ariane, and Christopher J. Schneider. 2014. „Introduction: Burawoy’s „Normative Vision“ of Sociology.“ In The Public Sociology Debate: Ethics and Engagement, edited by dies., 3-28. Vancouver: UBC.

Kray, Thorn-R. 2015. „Über die Konsequenzenlosigkeit der Soziologie.“ Soziologie Magazin 11 (2):5-21.

Weber, Max. 1988. „Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis.“ In Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, edited by Johannes Winckelmann, 146-214. Tübingen: Mohr.

Thorn Kray

Thorn Kray

Thorn-R. Kray (31) promoviert am Giessen Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Thema der Ratgeberliteratur für Liebe und Beruf. Seine Schwerpunkte umfassen romantische Beziehungen, sowie Wissenschaftstheorie, Rhetorik und Ästhetik.

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